Schulungsprogramm für Sport und Ernährung

Quelle: MMW – Fortschritte der Medizin Quellendetails

Hausärzte predigen Sport und gute Ernährung, obwohl sie wissen, wie
schwer Patienten mit Hypertonie und Übergewicht sich aufraffen können.
Ein Leipziger Hausarzt hat nun ein Schulungsprogramm entwickelt — und geht selbst mit gutem Beispiel voran.
Vor elf Jahren wurde Dr. Hans-Detlev Stahl schlagartig bewusst: So kann es nicht weitergehen. Der Stress als Geschäftsführer in seinem Unternehmen fraß ihn auf, dazu gesellte sich familiär bedingter Bluthochdruck. Als Facharzt für Innere Medizin war dem Leipziger bald klar, dass er seinen Lebensstil radikal umstellen musste.
„Gerettet hat mich schließlich das Laufen. Dreimal die Woche bin ich losgerannt. Der Erfolg war erstaunlich. Innerhalb von sechs Monaten konnte ich alle Medikamente absetzen“, sagt Stahl, heute 56 Jahre alt. Er hat durchgehalten mit dem Laufen, spielt dazu Tennis und ernährt sich „bewusst, aber genussvoll“.
Die durchschlagende Eigentherapie reifte zu einer Idee: Vor fünf Jahren verkaufte er seine Firma, die mit klinischen Studien europaweit expandiert hatte, und ließ sich in Leipzig als Hausarzt nieder. Was bei ihm funktionierte, wollte er auch bei seinen Patienten erreichen: eine konsequente Umstellung des Lebensstils. „Ich wollte es aber nicht nur bei dem üblichen Satz belassen, ‚Bewegen Sie sich mehr, essen Sie weniger!‘ Ich wollte ein konkretes Programm anbieten“, erzählt Stahl.
Ergebnis war das Schulungsprogramm „Health Watchers“. Es besteht aus zwei Komponenten und läuft über eine Interventionsphase von zwölf Monaten: In dieser Zeit messen die Patienten täglich Blutdruck und Gewicht mit Geräten, die die Werte per Bluetooth an einen iPod und dann auf einen deutschen Internetserver übertragen. Von dort kann Stahl die Daten in die elektronische Patientenakte abrufen. Den iPod stellt die Praxis.
Besprechung einmal im Monat

Einmal im Monat bespricht er die Ergebnisse mit den Patienten. Die zweite Komponente besteht aus Ernährungsempfehlungen zusätzlich zu 94 Sporteinheiten, die Stahl mit Sportwissenschaftlern entwickelt hat — sprich: im Schnitt alle vier Tage Ausdauer- und Koordinationstraining. Für die Umsetzung seiner Idee einer Intensivbetreuung per Telemedizin, Sport und Hausarztbesuch erhielt Stahl den 2. Preis im Wettbewerb „Die innovative Arztpraxis 2013“, den das Biopharmaunternehmen UCB und Springer Medizin ausschreiben.
„Man wird richtig süchtig nach dem Sport“, sagt Marlene Koch. Die pensionierte Bankkauffrau hat schon viele Diäten, inklusive Jo-Jo-Effekt, hinter sich. Sie hat bereits mehr als zehn Kilo abgenommen. Ihre bisherigen Hausärzte hätten mit wohlmeinenden Tipps nicht gespart: weniger Stress, mehr Bewegung. Das permanente Monitoring, die Protokolle und die Arztgespräche halten sie nun bei der Stange. Die Blutdruckmittel nehme sie nur noch homöopathisch, selbst Diät
müsse sie nicht halten. Stahl ist mit Frau Koch zufrieden, auch weil sie den Prozess reflektiert. Unwahrscheinlich, dass sie nach Ende des Programms in ihre alten Muster zurückfällt.

Seit vergangenem Jahr wird „Health Watchers“ als Modellprojekt von Sachsens größter Krankenkasse, der AOK Plus, gefördert. Es richtet sich an Privatpersonen und Arbeitgeber, die bewegungsentwöhnte Mitarbeiter auf Trab bringen wollen. Der Kooperationspartner Sparkasse Leipzig etwa übernehme ein Drittel der Kosten von 900 Euro im Jahr, die AOK ein weiteres Drittel, der Patient den Rest.
Der Bedarf sei enorm, sagt Stahl. „Zwei Drittel meiner Patienten sind übergewichtig. Auch bei den Jüngeren werden es immer mehr.“ Den inneren Schweinehund zu besiegen, sei die größte Herausforderung, wenn es darum geht, den Lebensstil zu verändern. Deshalb die monatlichen Visiten: „Wir gehen gemeinsam die Daten zu Blutdruck und Gewicht durch. Als Motivation, aber auch um Missverständnisse zu vermeiden. Viele haben falsche Vorstellungen, wie schnell man abnehmen sollte“, sagt er.
Muskelmasse wiege eben schwerer als Fett, weshalb sich der Gewichtsverlust verlangsame. Das Ziel sind 10% bei einem BMI von über 35, darunter werden 7% während der einjährigen Programmdauer angepeilt. Die Compliance bei der Datenerfassung sei gut: Knapp 80% halten das Sportprogramm durch.

Bewegung in den Alltag zu integrieren ist die Hürde

Bezüglich des Erreichens der Zielwerte bei Gewicht, Taillenumfang und Blutdruck ist Stahl mit gut der Hälfte der Patienten noch nicht ganz zufrieden. „Die entscheidende Herausforderung ist, regelmäßige Bewegung in den Alltagsablauf zu integrieren. Da scheitert es bei manchen.“ Warum bisher niemand auf „Health Watchers“ kam? Das liege am Stellenwert der Präventionsmedizin: „Sie ist in Deutschland völlig unterentwickelt, vor allem im Sinne von Lebensstiländerung. Das ist etwas anderes als bloß Früherkennungsuntersuchungen.“
Dabei gebe es kein Medikament, das multisystemisch so wirksam sei wie Bewegung und gesundes Essen. „Es fordert eine gewisse Disziplin. Aber mit der Unterstützung des Arztes und der Technologie kann es gelingen.“
Der rasante Fortschritt des mobilen Monitorings, ist Stahl überzeugt, werde die Arbeit der Ärzte bald radikal verändern.
Zeitschrift: MMW – Fortschritte der Medizin 2014/15
publiziert am: 13.9.2014 12:29 Autor: Robert Büssow Quelle: Urban & Vogel (2014)